Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft – Digitalpakt#D

Kritik an der Kritik

Education Architektur Modell
Education Architektur Modell

Am 12. Oktober 2016 verkündete Bundes­bildungs­ministerin Prof. Dr. Johanna Wanka auf einer Presse­­­konferenz eine Bildungs­­­offensive für die digitale Wissens­­gesell­schaft.

 

 

Worum geht es hierbei?

Mit diesem milliarden­schweren Programm (im Gespräch sind 5 Mrd. €) soll die informations­technologische Infra­struktur der Schulen in Deutschland entscheidend verbessert werden. Nachlesen kann man das hier.

Jedoch, kaum ist die Tinte trocken, kommen schon die ersten Kritiker und kritisieren an einer Vision.

Allen voran der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Herr Josef Kraus.
Nachfolgende Zitate habe ich der Passauer Neuen Presse entnommen.

Zitat: „Der Bund ist für so etwas eigentlich nicht zuständig. Wenn es schon ein Milliardenprogramm für die Schulen sein soll, dann bitte für die Sanierung der Gebäude. Hier besteht ein Bedarf in dreistelliger Milliardenhöhe. Viele Schulen sind in marodem Zustand, eigentlich müssten sie sofort saniert werden. Oft sind Beträge in zweistelliger Millionenhöhe zu investieren. An manchen Schulen sind die sanitären Anlagen miserabel oder man hat sie saniert und verlangt dafür jetzt eine Toilettenbenutzungsgebühr. Das Problem ist, dass die Schulträger das alleine nicht schultern können. Hier müsste etwas geschehen. Das wäre ein vernünftiges Investitionsprogramm und würde eine kräftigen Push für unseren Arbeitsmarkt bringen.“

Es ist sicherlich richtig, dass es Schulgebäude in Deutschland gibt, die einer Sanierung bedürfen. Jedoch ist hierfür nunmal nicht der Bund zuständig, sondern vielmehr die Schulträger. Es sind die Länder und Kommunen gefragt, die Sanierung der Schulen voranzutreiben. Ein schönes Beispiel gibt hier Sachsen-Anhalt mit seinem STARK III – Programm zur energetischen Sanierung von Schulen. Sicherlich werden die hierfür bereitgestellten Mittel bei weitem nicht ausreichen, jedoch ist auch hier Bewegung.

Der Bund hat endlich erkannt, dass im 21. Jahrhundert die Digitalisierung nunmehr in alle Bereiche der Gesellschaft komplett durchschlägt. Daher muss die Digitalisierung auch in den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen Einzug halten. Bereits vor Jahren warnte die hiesige Wirtschaft vor, im Bereich der Informationstechnologie, schwach ausgebildeten Schulabgängern, da dies langfristig den Innovationsstandort Deutschland schwächen, wenn nicht sogar gefährden wird.

Zitat: „Schulen mit Computer, Tablets, Laptops auszustatten, bringt für den Unterricht kaum etwas. Es nutzt am Ende nur der Industrie und den Herstellern. Viele Studien warnen davor, dass Deutschland digital abgehängt werden könnte. Aber man muss mal sehen, wer diese Untersuchungen in Auftrag gibt. Das sind die großen Telekommunikationsfirmen. Es gibt keine belastbaren Befunde darüber, dass digitalisierte Schulen zu besseren Schülerleistungen führen.“

Mal ehrlich, Herr Kraus, wann haben Sie das letzte Mal eine Schule von innen gesehen. Die Digitalisierung ist doch schon längst in den Schulen angekommen, sei es als Smartphone des Schülers, als Laptop des Lehrers, als Verwaltungsprogramm der Schule. Schauen Sie sich doch bitte mal innovative Schule an, welche neuartige Unterrichtskonzepte (z. B. Blended Learning, Flipped Classroom, Video-Conferencing etc.) nutzt. Fragen Sie mal die Schülerinnen und Schüler, die sich an Video-Projekten freiwillig in ihrer Freizeit engagieren, was diese von feinstaubhaltigen Frontalunterricht halten.

Sicherlich wird auch die Industrie und die Wirtschaft von solchen Investitionen profitieren, aber wie sagten in Ihrem Interview ja selbst.
Dem kann ich diesbezüglich nur beipflichten.

Niemand behauptet, dass die Leistungen der Schülerinnen und Schüler durch den Einsatz digitaler Werkzeuge und Medien besser werden. Jedoch werden eben jene Schülerinnen und Schüler irgendwann einmal die Schule verlassen und auf den Arbeitsmarkt drängen. Und genau dieser Arbeitsmarkt verlangt immer häufiger digitale Kompetenzen, und zwar in mittlerweile fast allen Berufen.

Zitat: „Ich glaube nicht an die Segnungen der Digitalisierung von Unterricht, die man uns immer versucht einzureden. Unsere 40.000 Schulen mit schnellem Internet auszustatten, bringt keinerlei Fortschritt für den Unterricht. Wir brauchen keine Laptop-Klassen! Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken. Es leidet das Lesevermögen und die Diskursfähigkeit.

Da muss ich schon sagen, WOW. Es ist schon erstaunlich, mit welchem Steinzeitwissen man Präsident des Deutschen Lehrerverbandes werden kann. Herr Kraus, Sie haben nicht im Entferntesten begriffen, worum es bei der Digitalisierung geht. Kein Mensch redet hier von Laptop-Klassen. Ein Laptop kann ein digitales Werkzeug von vielen sein. Vielmehr ist eine ganzheitliche Betrachtung dieser Aufgabe notwendig. Ich rede hierbei gern vom Education-Architektur-Management (in Analogie zum Enterprise-Architektur-Management), welches sämtliche Bereiche der Bildung (Pädagogik und Verwaltung) im Kontext der beteiligten Organisationen und Organisationseinheiten sowie deren Zusammenspiel mit Informationstechnologie erfasst. Zudem wird, über kurz oder lang, jede Lehrerin und jeder Lehrer bzw. jede Schülerin oder jeder Schüler ein eigenes Gerät in Schule mitbringen, um am angestammten „virtuellen“ Arbeitsplatz zu arbeiten und zu lernen. Mit Online-Plattformen a lá Moodle wird das Lernen zum interaktiven, kollaborativen Event. Ziel ist die Steigerung der Medien- und Informationskompetenz.

Ich erinnere mich nur zu  gut an den großen Aufschrei im Januar 2015, als eine Kölner Gymnasiastin folgenden Tweet verfasste:

Zitat: Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Auch damals wiesen Sie, Herr Kraus, die Überspitzung zurück und sahen die Eltern in der Pflicht. Ich zitiere: Ein gewisses Maß an Alltagstauglichkeit müsse in der Familie vermittelt werden.

Hallo, ich dachte, die Schule dient der Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler u. a. auf ihr zukünftigen berufliches Leben (Ich erwähnte dies bereits.). Und hierzu gehört nunmal der sichere und einwandfreie Umgang mit modernen Medien dazu. Solche Situationen, wie sie die Kölner Gymnasiastin beschrieben hat, lassen sich sehr leicht auch in der Schule kollaborativ erarbeiten, ohne vom Curriculum abzuweichen. Ganz im Gegenteil, gerade die modernen und digitalen Medien eröffnen völlig neue Möglichkeiten auch in der Didaktik und Pädagogik.

In der heutigen Zeit muss man nicht alles wissen, sondern man muss wissen, wo es steht und wie ich mit diesem Umstand umgehen kann und muss.

Zitat: „Wir brauchen bundesweit Regelungen wie in Bayern. Dort ist die Nutzung digitaler Medien an Schulen außerhalb des Unterrichts und ohne Erlaubnis der Lehrkräfte verboten. Ich würde mir wünschen, dass unsere Schüler auch in den Pausen miteinander sprechen, miteinander spielen. Die vis-à-vis-Kommunikation ist immer besser, als auf dem Schulhof nebeneinander zu sitzen und sich gegenseitig WhatsApp-Nachrichten zu schicken.“

Dazu fällt mir nichts mehr ein. Wer Digitale Bildung auf WhatsApp reduziert, sollte in meinen Augen dringend zu einer Fortbildung in Sachen IT-Kompetenz, Medien-Kompetenz, Informationskompetenz.

Fazit: Es gibt noch viel zu tun. Das Programm „DigitalPakt#D“ ist ein gelungener Anfang. Die Evolution hin zur Digitalen Bildung in Deutschland bedarf jedoch auch ganz viel Aus- und Fortbildung, um die Synergien auch zu fördern. Die Lehrerinnen und Lehrer, welche bereits mit modernen Werkzeugen und Medien arbeiten, können das sicherlich bestätigen. Dazu muss man auch selber Veränderungen wollen und anstrengen. Das sehe ich z. B. bei Herrn Kraus in keinster Weise.

Technikfeinde sind eine Gefahr für unsere Kinder – nicht Smartphones | t3n

Der Lehrer Arne Ulbricht verteufelt auf Spiegel Online Smartphones und Mediennutzung der Kinder. Und ist zusammen mit der alarmistischen Diskussion um digitale Demenz selbst ein Teil des Problems.

Quelle: Technikfeinde sind eine Gefahr für unsere Kinder – nicht Smartphones